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Demografischer Wandel Drucken E-Mail

Nach den aktuellen Prognosen des statistischen Bundesamtes wird die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik bis zum Jahr 2050 um 10 bis 17 % zurückgehen. Dies legt die Vermutung nahe, dass damit auch zwangsläufig der Verkehr auf unseren Straßen abnimmt. Im Rahmen eines Forschungsprojektes zeigte sich, dass der Verkehr nicht automatisch abnimmt, sondern dass hierfür eine Reihe von gezielten Maßnahmen erforderlich sind.

Veränderte Rahmenbedingungen durch demografische Entwicklung

Durch die demografische Entwicklung verändern sich die Rahmenbedingungen für die Mobilität. Hierbei betreffen die Veränderungen den Raum und die Mobilitätskenngrößen.

Die Veränderung der Bevölkerung erfolgt nicht gleichmäßig im Raum. Schrumpfende und wachsende Regionen liegen in direkter Nachbarschaft. Die Bevölkerung verteilt sich in zunehmenden Maße im Raum (Suburbanisierung), so dass der ÖV weite (kostenintensive) Wege zurücklegen muss, um zu seinen Fahrgästen zu kommen. Durch die verringerten Bevölkerungszahlen wird die Nachfrage nach Infrastruktureinrichtungen zurückgehen. In der Folge werden Einrichtungen (z.B. Schulen, Museen, Krankenhäuser) geschlossen bzw. an wenigen Standorten konzentriert. Hierdurch erhöhen sich die Wegelängen der restlichen Nutzer zu den Einrichtungen.

Motorisierung nimmt zu

Die Motorisierung wird voraussichtlich weiter zunehmen, unterstützt durch die Autowerbung, die das jeweils passende Auto zu unterschiedlichen Gegebenheiten "empfiehlt". Zusätzlich macht sich hierbei der Trend zu kleineren Haushalten bemerkbar, da die Ausstattung mit Pkws in kleineren Haushalten besser ist, als in größeren Haushalten. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Pkw-Nutzung durch Frauen deutlich erhöht. Indikator hierfür ist u.a. die höhere Anzahl weiblicher Führerscheinbesitzerinnen. Dieser Trend wird anhalten, bis die Frauen den Führerscheinanteil der Männer erreicht haben. Wer es jedoch als heute dreißigjährige Frau gewohnt ist den Pkw zu nutzen, wird dies in 30 Jahren als Sechzigjährige auch tun. Die sechzigjährigen Frauen im Jahr 2030 werden also die freie Wahl zwischen den Verkehrsmitteln haben. Im Gegensatz dazu sind die heute sechzigjährigen Frauen auf Mitfahrmöglichkeiten bzw. auf die Nutzung des ÖV angewiesen, da sie zu einem großen Teil keinen Führerschein besitzen. Die Verlagerung der Bevölkerung in die Fläche (Suburbanisierung) führt zu längeren Wegen, die häufiger mit dem privaten Pkw zurückgelegt werden. Verstärkt werden diese Entwicklungen durch den zunehmenden Drang zur Individualität in der Gesellschaft. Beispiele sind die steigende Erwerbsquote der Frauen, mit der Folge der verringerten Familiengründungen (mehr Singlehaushalte), die unklaren Zukunftsaussichten und die von der Wirtschaft erwartete berufliche Mobilität, wodurch ebenfalls die Partnersuche und Familiengründung erschwert wird. Schließlich ermöglichen die neuen Techniken (Handy, Internet, etc.) weit verstreute soziale Kontakte, die in den meisten Fällen mit dem Wunsch nach persönlichem Kontakt einhergehen und damit Verkehr induzieren.

Strategien zur umwelt- und sozialverträglichen Mobilitätsbewältigung

Um die Mobilität auch in Zukunft zu gewährleisten und dabei die Beeinträchtigung der Umwelt möglichst gering zu halten sind einige Voraussetzungen notwendig. Hier sind insbesondere zu nennen:

  • Innenentwicklung vor Außenentwicklung Konzentration der Siedlungsentwicklung in zentralen Orten mit qualifiziertem ÖV-Anschluss.
  • Intermodaler Verkehr Verknüpfung zwischen den Verkehrsmitteln, z.B. Fahrradmitnahme im ÖV, Anschlusssicherung beim Umstieg Nah-/Fernverkehr.
  • Kostenwahrheit Bewusstmachung der gesamten gesellschaftlichen Kosten eines Verkehrsmittels, mit dem Schwerpunkt auf der Nutzung, d.h. z.B. hoher Benzinpreis statt Kfz-Steuer.
  • Effizienzsteigerung Entwicklung sparsamer Motoren, mit dem Ziel 1-l-Auto.
  • Eigenverantwortung der BürgerInnen Übernahme von Versorgungsfunktionen im ÖV durch Bürgerinnen und Bürger, wenn auf Grund der Rahmenbedingungen öffentlich finanzierter Verkehr wirtschaftlich nicht tragfähig ist. Dies wird insbesondere im ländlichen Raum erwartet.
  • Einsatz regenerativer Antriebsenergien Umweltverträgliche Abwicklung des verbleibenden motorisierten Verkehrs.

Diese Aspekte und ihr Einfluss auf die Mobilitätsentwicklung sind Teil der Szenarien die im Forschungsprojekt "Stadt+Um+Land 2030" in der Region Braunschweig untersucht wurden.

Mobilität in der Region Braunschweig 2030

Im Rahmen des Forschungsprojektes "Stadt+ Um+Land 2030" in der Region Braunschweig sind drei Szenarien untersucht worden. Hierbei wurden Veränderungen folgender Elemente berücksichtigt:

  • Demografische Entwicklung
  • Wirtschaftliche Entwicklung
  • Politik
  • Ziele im Raum (Arbeits-, Ausbildungsplätze, Freizeitgelegenheiten)
  • Pkw-Verfügbarkeit
  • Infrastruktur
  • Kosten der Mobilität
  • Güterverkehr
  • "Weiche" Einflussfaktoren (Verkehrsmittel-Image, Lebensstile, ...)
  • Antriebsmittel

Ohne Gegensteuern läuft es in die falsche Richtung

Die unterschiedlichen Szenarien haben gezeigt, dass die Verkehrsleistung im Trend (ohne Eingriff der Akteure) noch zunimmt, trotz Rückgang der Bevölkerungszahlen. Gleichzeitig wird deutlich, dass allein mit regionalen Maßnahmen (Szenario A1 "Kooperativ") bereits eine Entlastung der Situation bewirkt werden kann. Die Verkehrsleistung lässt sich gegenüber der heutigen Situation sogar leicht reduzieren.

Auch der ÖPNV, der im besonderen Maße vom Bevölkerungsrückgang und den strukturellen Verschiebungen betroffen ist, kann gestärkt werden. Gegenüber dem Trendszenario ist hier (je nach Maßnahmenbündel) eine Steigerung der Fahrten zwischen 10 und 50 % möglich. Wobei auch ältere VerkehrsteilnehmerInnen verstärkt den ÖV nutzen.

Es wird jedoch auch deutlich, dass die bundespolitischen Rahmenbedingungen stimmen müssen (Szenario A2 "Nachhaltig"), damit eine nachhaltige Mobilität erreicht werden kann. So könnte beispielsweise die Reduktion der CO2-Emissionen nahezu verdoppelt werden, wenn begleitende bundespolitische Maßnahmen ergriffen werden.

Durch ein Zusammenwirken der regionalen und bundespolitischen Akteure kann die Lebensqualität in der Region Braunschweig verbessert und eine nachhaltige Mobilität erreicht werden. Der demografische Wandel kann einen Beitrag zur Verkehrsentlastung leisten.

Zusammenfassung

Die Hoffnung, dass der demografische Wandel, neben seinen vielfältigen kritischen Wirkungen, wenigstens (automatisch) zu einer Entlastung unserer Straßen führt, wird sich nicht erfüllen. Der Rückgang der Bevölkerungszahlen wird von einer Vielzahl von strukturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen überlagert. Diese Prozesse können in der Summe dazu führen, dass der Verkehr in einzelnen Regionen trotz Bevölkerungsrückgang weiter zunimmt.

Am Beispiel der schrumpfenden Region Braunschweig konnte aufgezeigt werden, dass ein "weiter so, wie bisher" keine Entlastung im Verkehrssektor bringt. Erst die Umsetzung regional koordinierter Maßnahmen kann eine Entlastung der Straßen bewirken. Eine deutliche Reduktion der Verkehrsbelastung, mit einer Verkehrsverlagerung hin zu umweltverträglichen Verkehrsmitteln, lässt sich jedoch erst im Verbund mit bundespolitischen Maßnahmen erreichen.

Literatur:

Strobel, G.; Schröter, F.; Wermuth, M.; "Mobilitäts-Stadt-Region 2030 - Forschungsergebnisse-" Beiträge zu STADT+UM+LAND 2030 Region Braunschweig, Band 12, 2004, Hrsg.: Zweckverband Großraum Braunschweig (ZGB),

Schröter, F.; "Mobilität im Jahr 2030" in: RaumPlanung spezial 8, Juni 2005, "Die Zukunft der Kommunen: in der Region", Hrsg.: Schröter, F., S. 29 ff

 

 

Dies ist die gekürzte Fassung eines Artikels von Frank Schroeter, der in mobilogisch! , der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, 2/07 Heft , erschienen ist.
Einzelhefte von mobilogisch! können Sie in unserem Online-Shop in der Rubrik Zeitschrift bestellen.

 

Kongress BUVKO zum demografischen Wandel 

Der 16. "Bundesweite Umwelt- und VerkehrsKongress BUVKO" fand im März 2007 in Stuttgart unter dem Motto "Demografischer Wandel und Mobilität: Verkehrsrückgang als Chance" statt. Hier finden Sie die Ergebnisse des 16. BUVKO.

 
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